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Die letzte Nachricht

Vorgeschichte:

Marco Crocks, gerade 18 geworden, reist spontan nach London, weil er vom Krankenhaus eine Mail erhalten hatte, in der ihm gesagt wurde, dass sich sein Vater (Steve Crocks, von Beruf Kommissar) nach einem Schlaganfall in Lebensgefahr im Londoner Krankenhaus befände.

Als er endlich dort ankommt, muss ihm ein Arzt mitteilen, dass er leider zu spät gekommen ist. Sein Dad ist schon tot.

 

Mit einem Mal war es still. Totenstill. Er hörte nichts mehr. Sah nichts mehr. Alles um ihn herum verblasste. Ohne es zu merken, sank er an der Wand herab auf den Boden. Er spürte nichts als Leere. Die Tränen, die sich angestaut hatten, konnte er nicht weinen. Alle seine Gefühle waren erstarrt, sein Herz. Nichts als dunkle, tiefe Leere. Abgrund. Er fiel. Tiefer und tiefer.

 

 

Eine Hand hielt ihn fest, schüttelte ihn sanft, noch eine kam hinzu. Langsam drangen gedämpfte Stimmen zu ihm herein, er bewegte einen Fuß, einen Finger. Alles tat ihm weh. Er hob vorsichtig seine Lider, mehrere Ärzte und andere Personen standen um ihn herum. Nein, sie sollten weg! Er wollte allein sein. Mit seinem Schmerz. Seinem erstarrten Herz. Seinem dröhnenden Kopf, dem überlasteten Verstand. Er wollte alles vergessen. Wollte, dass es von vorne anfing, dass er seinen Dad hätte retten können. Diese verdammten Ärzte!! SIE waren Schuld, dass SEIN Dad gestorben war!

Er begann, um sich zu schlagen, zu treten. Verschiedene Stimmen prasselten auf ihn ein: „Ssscht, Junge…“ „This boy is crazy!“ „Let’s go, Martha! That isn’t a show place for you!”
Das alles machte ihn noch wütender. Er musste all seine Wut, seine Verzweiflung, seine Trauer vergessen. Jemandem die Schuld geben. Er wollte, dass die Verantwortlichen dasselbe spüren mussten, wie er jetzt. Er kämpfte weiterhin um sich, fühlte, wie ihm die Tränen kamen, alles um ihn herum verblasste wieder, er wollte einfach frei sein. Frei…

Die kühle Hand von vorhin legte sich wieder auf seine Schulter, er schlug sie weg, doch sie berührte ihn wieder, sanft, beruhigend, vorsichtig. Seine Bewegungen wurden langsamer, er hatte keine Kraft mehr. Schließlich sackte er in sich zusammen, fühlte sich wie ein Ballon, dem die Luft heraus gelassen wurde und ließ nun endlich seinen Tränen freien Lauf…  

Schützende Arme umschlossen ihn, und er ließ sich dankbar, aber auch vorsichtig, an den Körper dieser Person sinken.

 

Als seine Tränen endlich versiegten – Er wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, Minuten, Stunden? – ging es ihm ein wenig besser. Ihm wurde ein Taschentuch gereicht. Zittrig nahm er es in die Hand und schnäuzte sich ein paar Mal kräftig. Endlich hob er ganz den Kopf und sah vor sich stehend zwei Ärzte – einer davon war der, der ihm die Nachricht überbracht hatte – und neben sich noch ein Weißkittel, diesmal aber weiblich.

Schnell löste er sich aus ihrem Arm und rückte ein Stück zur Seite. Auf einmal war es ihm verdammt peinlich. Er hatte vor wildfremden Leuten geheult und außerdem hatte ihn eine ebenfalls wildfremde Frau in den Arm genommen wie ein Baby…

Beschämt blickte er sie an: Es war eine etwas ältere Frau, vielleicht Mitte fünfzig, deren graue Haare zu einem lockeren, unordentlichen Knoten zusammen gebunden waren. Das Gesicht zeigte einige Falten, doch besonders um die strahlend blauen Augen waren sie besonders ausgeprägt, was ihr einen humorvollen und freundlichen Charakter versprach.

Sie lächelte ihn an und sagte beruhigend: “It’s okay, young boy, it’s okay…“ Sie blickte ihm tief in die Augen, er hielt ihrem Blick lange stand, jedoch musste er ihn nach einiger Zeit abwenden. Er versuchte zu reden. Aber seine Stimme war wie erstickt…

Endlich – nach einer langen Zeit der Stille brachte er ein paar Wörter heraus: „Warum? Ich meine… - Why?“ Die Ärztin sah in unverwandt mitfühlend an und antwortete dann etwas mit einer sanften Stimme, jedoch konnte Marco es nicht verstehen, weil er noch viel zu sehr durch den Wind war, um sich auch noch auf die Übersetzung zu konzentrieren. Zum ersten Mal meldete sich nun auch der Mann zu Wort, er sprach in gebrochenem Deutsch und mit einem starken amerikanischen Akzent: „Er hatte einen Schlaganfall. Und vorher schon seit langem Herzprobleme.“ „Das hat er mir nie erzählt!“, brachte Marco schluchzend hervor… Alles um ihn brach zusammen. Er hatte keine Ahnung davon gehabt! Warum hatte sein Dad ihm das nicht erzählt? Hatte er ihm nicht vertraut? Er hätte vieles anders gemacht, wenn er gewusst hätte, dass sein Dad nicht mehr lange zu leben hatte… Ihm fielen sehr viele Situationen ein, wo er vielleicht nicht fair zu seinem Dad gewesen war. Wo er nicht nachgeben wollte. Wo er ihn verletzt, enttäuscht, vernachlässigt hatte…

“Er wollte dich nicht beunruhigen“, antwortete der Mann mit rauer Stimme. Marco schluckte noch ein paar Mal, dann fragte er: „Hat er… Hat er irgendetwas hinterlassen? Für mich?“ Der Mann sagte etwas zu der Ärztin, woraufhin die sich erhob und sich in den Nebenraum begab. Hieß das jetzt, dass es tatsächlich etwas gab? Oder hatte sie sich nur entfernt, weil sie ihm sagen musste, dass es nichts von seinem Dad gab!? Marco war sich sehr unsicher…

Der Arzt streckte eine Hand aus, Marco ergriff sie und wurde hochgezogen. Er musste sich erstmal an der Wand abstützen, ihm war schwindelig. Er fühlte die warme Hand des Arztes auf seinen Schultern, er führte ihn ebenfalls zu dem Raum, wo gerade die Frau verschwunden war. Als er durch die grüne Tür den recht kleinen weißen Raum betrat, fühlte er sich gleich ein bisschen wohler. Im Zimmer standen zwei gemütliche Sofas und ein Sessel, in der Mitte ein Couchtisch, auf dem Kaffeetassen, eine Blumenvase und ein paar schmutzige Teller standen. Marco wurde zu dem Sofa geführt, wie in Trance setzte er sich.

Gegenüber von ihm lies sich seufzend der Arzt nieder. Jetzt erst fiel Crocks eine weitere Tür auf, die sich in dem Moment öffnete. Es erschien wieder die nette Ärztin und in der Hand hielt sie – einen Briefumschlag! „Here… He has given that to me, a moment before he died…“ Marco war wie erstarrt. Langsam streckte er die Hand danach aus. Zuerst befühlte er das blütenweiße, sehr flache Kuvert, schüttelte es vorsichtig, behandelte es behutsam, als ob es bei einer falschen Bewegung explodieren würde…

Leise verließen die beiden Ärzte das Zimmer, Marco merkte es kaum. Es war so unwirklich – sollte dies wirklich das letzte Zeichen seines Vaters sein? Auf dem Umschlag war deutlich und in schlichten Buchstaben sein Name zu lesen. Endlich riss er oben behutsam den dafür vorgesehenen Streifen ab, um es zu öffnen. Es war nur ein einziges Blatt darin. – Ein Brief!? Er zog es langsam heraus. Was würde ihn nun erwarten? In der Handschrift seines Vaters – mit Füller geschrieben – standen nur ein paar Wörter:

 

Für Marco

 

Bitte denk an die folgenden Worte und hilf mir.

Dies ist mein letzter Wille,

ich werde immer bei dir sein.

 

In Liebe, dein Dad

 

Nachdem Marco diese Zeilen gelesen hatte, brach schon wieder alles in ihm zusammen. Mehr war da nicht?? Nur diese fünf Zeilen, diese kurze Nachricht!? Hatte ihm sein Dad nicht mehr zu sagen? Er las den Brief noch einmal. Und noch einmal. Immer wieder blieb er bei den Worten hängen „Ich werde immer bei dir sein“ und „In Liebe“… Verdammt, wie sollte denn sein Vater jetzt noch bei ihm sein!? Er war nicht mehr da. Für immer verschollen. Jetzt erst wurde Marco die Realität tatsächlich bewusst. Vorher hatte er es zwar wahrgenommen, aber unwirklich, so weit weg. Er hatte es gewusst, aber erst jetzt spürte er es auch wirklich im Kopf, im Herzen. Dass es wirklich aus war. Für immer. Schluss mit gemeinsamen Unternehmungen. Schluss mit geteiltem Leid und geteilter Freude. Schluss mit den Mann-Zu-Mann-Gesprächen, die ihnen beiden so viel bedeutet hatten. Er hatte sich einfach fallen lassen können in der Gegenwart seines Vaters.

„Ach, Dad!“, dachte Marco… Als etwas Kaltes, Feuchtes seinen Hals hinab lief, realisierte er erst, dass er weinte. Die Tränen liefen ihm unaufhaltsam und doch so leise am Gesicht herab. Als ob sich sein Dad so von ihm verabschieden würde. Ohne dass Marco etwas dagegen hätte tun können, ohne diesen geliebten Menschen aufhalten zu können. Heimlich, leise, ohne jede Vorwarnung war er von dieser Erde verschwunden… Wie ein Schleier legte sich dieser eiskalte Hauch von Tod über ihn. Ihm wurde auf einmal bewusst, wie schnell dieses Leben zu Ende sein konnte. Ohne sich von jemandem verabschiedet zu haben, war Dad gegangen. Einfach so. Still und sanft. Unmerklich und doch so gefühlvoll. Eben genau wie diese Tränen, die Marco den Hals zu schnürten.

Er blinzelte sie weg. Wandte sich wieder dem Blatt zu, der letzten Nachricht seines Vaters… Nochmals las er den Brief, jedoch stutzte er diesmal bei den Worten „Dies ist mein letzter Wille.“ Was meinte er damit? Sein Dad hatte geschrieben, dass er ihm helfen sollte… Bei was denn? Marco fand keinerlei weitere Ansätze in dem Text, woraus er hätte schließen können, was damit gemeint war…

Vielleicht befand sich in dem Umschlag noch etwas anderes? Marco legte den Brief vorsichtig auf den Tisch vor sich und blickte in den – leeren –Umschlag hinein. Was sollte das!? Marco wusste, dass sein Vater Rätsel liebte – was natürlich auch für seinen Beruf erforderlich ist –, aber in solch einer Angelegenheit? Er konnte sich das nicht erklären, denn sonst war sein Dad sehr gefühlvoll in solchen Dingen…

 In Gedanken versunken, spielte Marco mit dem Briefumschlag zwischen seinen Händen. Er konnte sie nicht still halten, sie zitterten und ein Schauer durchfuhr seinen ganzen Körper. Er fröstelte. Auf einmal spürte er etwas zwischen seinen Fingern. Eine Erhebung. Nicht groß, aber doch deutlich zu fühlen. Zum zweiten Mal schaute er in das Kuvert, diesmal jedoch aufmerksamer. Und tatsächlich – an der Innenseite des Umschlags entdeckte er einen durchsichtigen Streifen. Tesa. Marco war aufgeregt. Da – noch ein Zettel! Er klebte mithilfe des Tesas innen im Umschlag.

Sorgfältig löste er den Streifen, jedoch nicht ohne einen Teil des Umschlags dabei versehentlich zu zerreißen. Das Geräusch des Risses war unerträglich laut in dieser Stille, sodass Marco kurz innehielt. Er war immer noch allein. Und das war auch gut so, dieser Moment gehörte nur ihm und seinem Dad. Jetzt löste er auch noch einen zweiten Klebestreifen. Mit zittrigen Fingern nahm er den kleinen, gut versteckten Zettel, der nun zum Vorschein gekommen war, aus dem Umschlag. Er war ebenfalls schneeweiß, nicht mal ein Tintenfleck war darauf zu sehen. Mit klopfendem Herzen faltete Marco ihn auseinander (er war nur einmal geknickt gewesen) und las:

 

Be                   U

Search             A

Preserve          N

Keep               Z

Go                   I

Read               Z

Investigate      A

Work               Z

Think              A

Ask                 N

 

 

Marco sackte in sich zusammen. Er hatte gehofft, ein Zeichen zu finden, etwas, dass ihm den ganzen anderen Brief erklären würde. Doch jetzt? – Jetzt war er nur noch mehr verunsichert. Was bedeuteten diese seltsamen Buchstaben? Und warum waren die Wörter davor alle auf Englisch? Er konnte sie ehrlich gesagt noch nicht einmal alle ideal übersetzen… Scheiße, was sollte das!?

Marco schaute noch einmal auf den Zettel, aber er verstand immer noch nur Bahnhof. Ohne große Hoffnung durchsuchte er einmal mehr den Umschlag, doch diesmal war wirklich nichts mehr darin…

Er hatte kein Zeitgefühl mehr, wusste nicht, wie lange er hier schon gesessen hatte. Vielleicht sollte er auch mal wieder gehen, er konnte ja nicht ewig in diesem Krankenhaus bleiben…!? Zögernd erhob er sich, das Sofa knarzte ein wenig. Die beiden Zettel steckte er sorgsam in das Kuvert zurück und ging, mit diesem fest an seine Brust gepresst, zur Tür.

Draußen auf dem Flur herrschte mittlerweile mehr Betrieb als vorhin. Patienten im Rollstuhl kamen vorbei, Ärzte eilten durch die Gänge und Besucher allen Alters kamen – teilweise tränenüberströmt – aus den Zimmern. Marco stand immer noch in der Tür. Wohin sollte er nun gehen?

Da – endlich entdeckte er die Ärztin von vorhin. Sie stand am Info-Schalter und unterhielt sich mit der dort arbeitenden Frau. Mit festen Schritten begab sich Marco zu ihr. Er wollte das Gespräch nicht einfach so unterbrechen, deshalb wartete er an die Wand gelehnt in ein paar Metern Entfernung. Er konnte nicht entnehmen, worum es ging, weil sie sehr schnell, natürlich in Englisch und außerdem mit gedämpfter Stimme redeten. Während er wartete, beobachtete Crocks die Menschen um ihn herum.

Ein aufgetakeltes Mädchen, das zwar aussah wie 16, aber bestimmt erst 13 war, stöckelte auf ziemlich hohen Pumps durch den Flur. Mit hochgezogenen Augenbrauen blickte Marco ihr nach. „Sie wäre hübscher ohne die ganze Schminke“, dachte er.

„Oh, you’re back“, hörte er auf einmal eine Stimme neben sich. Schnell drehte er sich um und blickte wieder in die freundlichen Augen der Ärztin, deren Namen er immer noch nicht kannte. „Better now?“ Marco überlegte. Naja, er hatte sich einiges mehr von diesem letzten Brief erhofft. Jetzt verstand er noch weniger als vorher. Deshalb sagte er nur: „Well, it’s ok…“ Mitfühlend sah ihn die Frau an. Er konnte fast so etwas wie Liebe in ihren Augen lesen. „I’m so sorry about that…“ Sie sprach mit leiser und wohlwollender Stimme.

Marco schüttelte nur leicht den Kopf, dann senkte er ihn. Es war Zeit zu gehen. „Thank you. Thank you very much!“, flüsterte er und verabschiedete sich von der Frau mit festem Händedruck. „Wish you all good, young boy. And don’t forget what your dad had ever done for you.“

 

 

Fortsetzung folgt.

 

30.7.14 17:54
 
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